Montag, 16. November 2009

Der ausschliessliche Weg über das Gymnasium ist Vergangenheit - neue Chance Fachmatura


Durch den Umbau der Sekundarstufe II während der letzten Jahre hat sich die Schullandschaft dahingehend verändert, dass parallel zu den gymnasialen Mittelschulen vermehrt Fachmaturitätsschulen, Diplom-, Handelsmittelschulen und Berufmaturitätsschulen an Stellenwert gewinnen (siehe Bild). Dies hat zur Folge, dass die Ausschliesslichkeit der Gymnasien mit Maturitätsprofilen Vergangenheit geworden ist. Lag einem früher nach der Matura die Bildungswelt zu Füssen, oder hatte man nach erfolgreicher Maturaprüfung ein weiteres Studium oder einen Beruf im Sack, so verliert dieser einmalige Stellenwert der Matura zunehmend an Bedeutung. Durch Berufs- und Fachmaturitäten nimmt die Konkurrenz auf dem Bildungsmarkt zu (siehe Bild). Dadurch entsteht das Bedürfnis nach einer Rechtfertigung der 4 jährigen Matura, verglichen mit einer kürzeren Berufs- und Fachmaturität. Diese Rechtfertigung liegt in der Ausschliesslichkeit im Zugang zu Universitäten und Hochschulen, wohingegen Fach- und Berufsmaturitäten zu einem Zugang an Fachhochschulen berechtigen. Diese fachlichen Bildungswege setzen hingegen auf eine zusätzliche Berufliche Vorbildung/Lehre/Arbeitstätigkeit.
Der Verlust an Ausschliesslichkeit der gymnasialen Maturitätsschulen als Transferinstitution zwischen der Sekundarstufe I und den Hochschulen/Fachhochschulen führt schlussendlich auch dazu, dass die Schülerzahlen an gymnasialen Maturitätsschulen sinken/stagnieren, wobei sie an Fachmaturitätsschulen etc. stetig zunehmen. Diese mehr oder weniger direkte Konkurrenz wird in Zukunft vermehrt dazu führen, dass man sich auf sich verändernde Schülerzahlen einstellen muss. Weiterhin wird immer notweniger, die Bildung und Ausbildung klarer zu definieren und die verschiedenen Maturitätswege gegeneinander abzugrenzen. Gymnasiale Mittelschulen werden vermehrt mit Universitäten und Hochschulen zusammenarbeiten müssen, um den reibungslosen Transfer der Studierenden der Sekundarstufe II zu unterstützen.





Auch die Fachhochschulen und Berufsmaturitätsschulen müssen sich in diesem Markt klar positionieren. Ihre Aufgaben wie die Ausbildung von Fachkräften, Führungspersonen für die Privatwirtschaft, die angewandt Forschung und die enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft bieten viel Anreiz, sich nicht mehr zwingend für den gymnasialen Weg mit anschliessendem universitären Studium zu entschliessen. Die kürzere Dauer der Maturität und der oftmals primär auf ein Bachelorstudium ausgerichtete Weg ist zudem kurzer und scheint deshalb auf den ersten Blick effizienter zu sein als der klassische Weg über das Gymnasium. Gerade deshalb muss man sich bewusst sein, dass man in der fachspezifischen Ausbildung weniger Gefässe für eine möglichst breit angelegte Bildung hat. Man arbeitet enger auf ein Ziel hin, welches an Fachhochschulen mit meist sehr Angewandten Studiengängen nochmals betont wird. Der akademische weg hingegen scheint oftmals mühseliger und schlussendlich auch weniger Zielgerichtet zu sein. Die Grundlagenforschung ist daher der grosse Schwerpunkt an Universitäten, genauso wie Forschung, welche zwar ein grosses öffentliches Interesse hat, aber nicht wirtschaftlicher Natur ist. Die Promovierung, die Weiterführung einer typisch akademischen Karriere, ist ebenfalls nur StudentInnen erlaubt, welche den weg über eine Universität/Hochschule gewählt haben.
Eine Stärkung der Fachhochschulen im Bereich Forschung ist aber sehr naheliegend. Mit der Möglichkeit auch an den Fachhochschulen ein Masterstudium zu machen, steigt wiederum die Konkurrenz zwischen Universitäten und Fachhochschulen. Es ist aber durchaus auch wichtig, sich den Nutzen eines weiteren Studiums vor Augen zu halten. Während Fachhochschulabsolventen oftmals nach dem Bachelorstudium bereits eine Anstellung suchen und sich in einem Betrieb vertiefen und weiterbilden und somit berufliche Erfahrung mit der Ausbildung effizient verknüpfen können, haben Universitätsabsolventen mit einem Masterabschluss meist wenig bis gar keine Erfahrung in der Privatwirtschaft und finden sich oft in enger Konkurrenz zu den angewandteren Fachhochschulabsolventen. Der Stellenwert der Berufsmaturitäten und Fachhochschulen wird so betrachtet sicherlich noch zunehmen und langfristig eine zwingende Alternative zum gymnasialen und universitären Weg sein. Es wird sich mit der Zeit ein Gleichgewicht einstellen. Wichtig für eine gute Wahl des Studiums wird langfristig auch eine gute Beratung, schon auf Niveau Sek I, sein. Die Universitäten und Fachhochschulen werden sich vermutlich noch stärker im akademischen Bereich positionieren müssen um einen nachhaltigen Nachwuchs an Forschern und Mitarbeitern zu generieren, wohingegen die Fachhochschulen vielleicht noch klarer in den angewandten Bildungssektor hinein tendieren könnten, um noch mehr Nachwuchs aus sämtlichen angewandten Bereichen (DMS, HMS, BMS und auch aus der beruflichen Grundausbildung – Lehre) zu rekrutieren. Was jedoch ungünstig wäre, wäre die Entstehung einer Kluft zwischen den fachlichen und gymnasialen/akademischen Bildungswegen – es muss unbedingt darauf geachtet werden, dass die Zusammenarbeit gegenseitig sowie das Verständnis füreinander erhalten bleiben.



1 Kommentar:

  1. Dass die Schülerzahlen an den Berufsmaturitätsschulen in der Schweiz ständig steigen, könnte vielleicht auch daran liegen, dass diese in Bezug auf neuere pädagogische Konzepte und die allgemeine Kompetenzorientierung innovativer zu sein scheinen als die klassischen Gymnasien. Interessanterweise kann man Ähnliches aus der deutschen Berufsschulwelt eigentlich nicht behaupten. Überhaupt ist hier die Berufsschule bei weitem nicht so angesehen wie der Schweiz, was eigentlich sehr schade ist. Hier haben Gymnasium und Berufsschule keinesfalls denselben Stellenwert bzw. habe ich auch nicht den Eindruck, dass diese in Konkurrenz miteinander treten. Das an deutschen Berufsschulen erworbene Fachabitur berechtigt eben auch nur für den Zugang zu ausgewählten Studiengängen an Fachhochschulen. Was die Konkurrenz zwischen Fachhochschulen und Universitäten in Deutschland anbelangt, herrschen hier ziemliche Vorurteile auf beiden Seiten, wie ich so aus Kommentaren in meinem Bekanntenkreis weiß, vor allem bei Studiengängen, die an beiden Institutionen angeboten werden. Beispielsweise wechseln hin und wieder Informatiker von den Freien Universitäten an Fachhochschulen, weil sie mit dem selbständigen Lernen an den Unis nicht zurechtkommen und den festen, verschulten Rahmen an Fachhochschulen vorziehen. Folglich werfen die Universitätsabsolventen den Fachhochschulabsolventen vor, dass sie nicht eigenständig genug arbeiten können, während die Fachhochschulabsolventen die Praxisferne der Uniabgänger belächeln.

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